Wenn schon diejenigen, die Deutsch als Muttersprache sprechen, oft nicht wissen,
ob sie jemanden duzen oder siezen sollen,
dann wird diese Frage für Nicht-Muttersprachler
leicht zu einem wahren "Du-lemma".
Denn obwohl viel mehr geduzt wird als vor
zwanzig Jahren, kann ein "Du" am
falschen Ort auch heute noch fast eine Beleidigung
sein. Aus Angst ins Fettnäpfchen zu treten,
wird daher oft lieber das Distanz schaffende
"Sie" gebraucht. Im Englischen ist
da doch vieles einfacher - man sagt oder schreibt
einfach "you", wenn man "du",
"Sie", "ihr" oder "euch"
meint.
Anrede
und Arbeitswelt
Besonders problematisch ist die Wahl der richtigen Anredeform im Rahmen professioneller
Kontakte. "Du" oder "Sie"
- mit welcher Anrede trifft man den richtigen
Ton im Betrieb? Diese Frage, wurde bisher
im Beruf mit Blick auf die Betriebshierarchie
entschieden. Eine Mitarbeiterin, ein Angestellter
oder ein Azubi vermied es instinktiv, dem
Chef das "Du" anzutragen. Ebenso
wenig hätte dieser ohne Absprache auf
das übliche "Sie" verzichtet,
um nicht herablassend zu wirken. Heute gibt
es leider keine so eindeutigen Verhaltensmuster
mehr. Die Kriterien dafür, wann wer wen
duzt, variieren von Ort zu Ort, von Branche
zu Branche und von Unternehmen zu Unternehmen.
In vielen Firmen setzt sich der von allgemeinen
wirtschaftlichen Tendenzen unterstützte
"Du-Import" mehr und mehr durch.
Laut einer Umfrage duzen inzwischen mehr als
53 Prozent der Befragten, alle oder die meisten
ihrer Arbeitskollegen. Trotzdem bestätigen
Ausnahmen bekanntlich die Regel. Für
neue Mitarbeiter, die weder Gepflogenheiten
noch Unternehmensphilosophie der Firma kennen,
ist es daher nach wie vor ratsam, sich an
das neutrale "Sie" zu halten.
Geschäftskorrespondenz, E-Mails und Internet
Während man im Englischen, der "Muttersprache" des Internets,
keine expliziten Höflichkeitsformen kennt,
ist ihr Gebrauch im Deutschen unvermeidlich.
Im allgemeinen gilt:
- Besonders geschäftliche
E-Mails (z.B. Bewerbungen, Anfragen oder
Bestellungen) sollten weiterhin wie normale
Geschäftskorrespondenz per Sie verfaßt
werden
- Bei "jung und dynamisch"
wirkenden Unternehmen darf auch die unverfängliche
dritte Person Plural verwendet werden (z.B.
Könntet Ihr mir bitte mal helfen?).
- In Diskussionsgruppen, Mailinglisten
und Chatforen kommt es in erster Linie auf
Kommunikation und Verständnis an, weniger
um die korrekte Anrede. Es ist deshalb üblich,
sich per Du anzusprechen.
- Kennt man den Empfänger
des E-Mails schon außerhalb des Internets,
behält man einfach die bisherige Höflichkeitsform
bei.
- Private E-Mails können
grundsätzlich per Du geschrieben werden.
Seit der Rechtschreibreform
Auch im Schriftbild hat sich der Gebrauch der Höflichkeitsformen in den
letzten Jahren verändert. Nach der alten
Rechtschreibung wurden alle vertrauten Anredepronomen
(Du, Dich, Dir, Ihr, Euch) und ihre jeweiligen
Possessivadjektive (Dein, Euer) im Singular
und Plural in Briefen, Widmungen, Erlassen,
Fragebögen, Mitteilungen u.ä. aus
Höflichkeit groß geschreiben (z.B.
Ich hoffe, es geht Euch allen gut, insbesondere
Dir und Deiner Frau). Seit der Rechtschreibreform
gilt die Großschreibung nur noch für
die reinen Höflichkeitsformen (Sie, Ihnen,
Ihr). Für die anderen Anredepronomen
(du, dich, dir, dein, ihr, euch, euer) gilt
seit 1998 einheitlich die Kleinschreibung.