Die Kompositionsfreudigkeit der deutschen Sprache - d.h. die starke Neigung,
Zusammensetzungen zu bilden - zeigt sich auch
im Adjektivbereich. Viele Adjektivkomposita
bleiben nur Augenblicksbildungen, andere werden
lexikalisiert, d.h. sie werden zu festen Bestandteilen
des Wortschatzes. Dafür müssen sie
aber die schwere Aufnahmeprüfung des
Dudens bestehen, d.h. sie müssen von
einer ausreichenden Anzahl Menschen über
einen langen Zeitraum hinweg gebraucht und
damit alltäglich werden, bis man eine
echte Sprachentwicklung feststellen kann.
Eine solche Entwicklung vollzieht sich momentan
beispielsweise auch auf einem anderen grammatischen
Gebiet: der Einleitung von Kausalsätzen
mit dem Wort "weil" folgt heute
oft ein Hauptsatz statt eines Nebensatzes.
Allerdings hört man solche Sätze
bisher nur, ein offiziell korrekter Teil der
Schriftsprache sind sie noch nicht. Trotzdem
meinen viele schon heute, dass diese neue
Konstruktion es ebenso in den Duden schaffen
wird wie der Dativ, der mittlerweile teilweise
an Stelle des Genitivs erlaubt ist.
Beliebte Kompositionstypen sind die Zusammensetzungen Substantiv + Adjektiv: halsfern, preisgünstig, daumendick,
strukturelastisch, erntefrisch, säurefest,
parteioffiziell, glasklar, verkaufsoffen,
grasgrün, ellenlang, handwarm, eiskalt,
kerngesund, todkrank.
Auch die Gebrüder Grimm haben sich schon diese Wortbildung zu Nutze gemacht:
ihr Märchen "Schneeweißchen
und Rosenrot" bedient sich ebenfalls
der Zusammensetzung Substantiv (Schnee bzw.
Rosen) + Adjektiv (weiß bzw. rot). Der
Diminutiv "-chen" bringt
hier neben dem Bedeutungselement "klein"
auch Merkmale wie "vertraut" zum
Ausdruck, die eine besondere gefühlsmäßige
Einstellung oder persönliche Verbindung
beinhalten, in diesem Fall Erinnerungen an
die Kindheit. Substantive auf -chen
sind heute häufiger als solche auf das
ursprünglich oberdeutsche -lein.
Weitere Varianten sind
- Substantiv + 1. Partizip: wasserabweisend, wetterbestimmend, abendfüllend,
gesundheitsschädigend, parteischädigend,
satzschließend.
- Substantiv + 2. Partizip: sonnengereift, eisgekühlt, gasvergiftet, glasfaserverstärkt,
wertgemindert, schaumgebremst, unfallgeschädigt,
schulentlassen.
Diese Flut von Adjektivkomposita ist verschiedentlich von sprachpflegerischer
Seite kritisiert worden - nicht immer zu Recht,
denn Bildungen dieser Art stellen ein wirkungsvolles
Mittel der Ausdruckskürzung dar (Der
Kühlschrank hat türbreite Fächer
/ Fächer, die so breit sind wie die Tür)
und können eine stilistische Bereicherung
sein (Diese Generation ist fernsehmüde
/ des vielen Fernsehens müde / vom vielen
Fernsehen müde). Nicht nur die Werbung,
auch Industrie und Wissenschaft bedienen sich
dieser Wortbildungsmöglichkeit, weil
sie sich vor die Aufgabe gestellt sehen, komplizierte
Vorgänge und Sachverhalte in knapper
Form sprachlich zu bewältigen.
Im Übrigen sind diese Arten der Wortbildung keineswegs neu. Früher
waren sie vor allem im dichterischen Bereich
üblich: früchteschwer, unheilschwanger,
herzbewegend, himmelschreiend, freudestrahlend,
unheildrohend, siegestrunken, unheilgefasst,
unglückverfolgt, herzbetrübt.
Wurden früher weitgehend Stimmungen und Gefühle auf diese Art dichterisch
eingefangen, so werden heute mit den gleichen
Mitteln sachliche Aussagen gemacht. Selbst
die Adjektivkomposita, die einen Vergleich
enthalten und im Allgemeinen eine schmückende
Funktion erfüllen, wie z.B. taufrisch,
hauchzart, grasgrün, werden von der Sprache
der Technik zur sachlichen Aussage verwendet,
z.B. körperwarmes Wasser, eine handtellergro§e
Entzündung.
Kopplung
Auch die Kopplung von zwei Adjektiven gehört zu den Möglichkeiten,
den Adjektivbestand zu vergrößern.
Durch die Kopplung soll eine besondere Wirkung
oder Stimmung hervorgerufen werden, vor allem
dann, wenn inhaltlich entgegengesetzte Adjektive
miteinander verbunden werden:
schaurig-schön, melancholisch-heiter,
bitter-süß, süß-sauer.
Solche Kopplungen werden ebenfalls gern in dichterischer Sprache verwendet:
ein grausam-süßes Lächeln,
Herr v. Pasenow wurde … wie ein Vorgesetzter
mit schmal-steifer Verbeugung … begrüßt
(Broch). Sie können durch die Verschmelzung
beider Wortinhalte eine bestimmte schillernde,
schwebende Vorstellung erzeugen und dadurch
die Aussage bereichern.