Diesmal stimmt die Überschrift nicht. Man muß es deutlich sagen,
denn so einzig ist der Fehler gar nicht. Man
hört ihn sogar recht häufig, nur
geschrieben kommt er seltener vor.
Natürlich kann einzig nicht gesteigert werden; "einziger" als
einzig, das geht nun einmal nicht. Die erste
Vergleichsform, den Komparativ, gebraucht
denn auch niemand. Aber die zweite, den Superlativ?
Hier will man möglichst deutlich sein,
lieber zu viel als zu wenig. Und da einzig
sowieso oft verstärkend gebraucht wird
(er hat nur einen einzigen Anzug),
bietet sich der Superlativ geradezu an:
Sein einzigster Anzug, ihre einzigste Freude, nur ein einzigstes
Mal möchte ich das sehen!
Das ist nicht ein Fehler unserer Zeit. Dieser Superlativ kommt aus der volkstümlichen
Sprache. Der einzige erscheint eben
vielen als zu schwach und nicht deutlich genug.
Nur so läßt sich auch eine Stelle
aus Goethes Briefen verstehen:
Gute Nacht, Engel. Einzigstes, einzigstes Mädchen, und ich
kenne ihrer viele!
Auch wenn hier einzig kein Zahladjektiv ist, sondern im übertragenen
Sinne von einmalig, unvergleichlich gemeint
ist: Einziges, einziges Mädchen würde
doch dasselbe sagen. Daß es eine ganze
Anzahl von Adjektiven gibt, die keine Vergleichsformen
zulassen, haben wir in der Schule gelernt.
Wörter wie tot, stumm, nackt, endgültig,
viereckig, schriftlich gehören dazu,
weil ihre Bedeutung einen Gradunterschied
ausschließt. Ebenso kann man die Stoffadjektive
hölzern, eisern, golden u.a. nicht
steigern. Man kann aber sagen:
Er ist noch hölzerner (steifer) als sein Bruder. Er hat es mit eisernstem
Fleiß zu einem gewissen Wohlstand gebracht.
Auch bei anderen Adjektiven kommt es darauf an, ob sie im eigentlichen Sinn
oder in einer abgewandelten Bedeutung gebraucht
werden:
Wenn die Flasche voll oder leer ist, kann sie nicht voller
oder leerer sein.
Aber ein Glas kann ich etwas voller
gießen, und das Kino kann auch noch
leerer sein als gestern, als auch nur
einige Reihen besetzt waren.
Es existiert die Meinung, daß die Farbadjektive schwarz und weiß
nicht gesteigert werden könnten. Diese
Wörter bezeichnen aber genausowenig absolute
Werte wie grün, blau oder rot.
Daß weiße Wäsche noch weißer werden kann,
wissen wir nicht erst durch die Waschmittelreklame.
Nur in bestimmten Zusammenhängen sind
Farben festgelegt, in der Wappenkunde und
durch amtliche Bestimmungen im Verkehr. Darum
sagt auch der Fahrlehrer scherzhaft vor der
Ampel zum Fahrschüler: "Fahren
Sie los, es ist grün, grüner geht's
nicht."
Keine Vergleichsformen aber gibt es für Adjektive wie rosa, lila, beige,
orange, bleu. Das hat formale Gründe,
denn diese Wörter, die zumeist aus fremdsprachigen
Substantiven hervorgegangen sind (meistens
aus dem Französischen), dürfen in
der Hochsprache auch nicht gebeugt werden,
sie bleiben immer unverändert. Notfalls
muß man umschreiben.
Dieses Kleid ist heller, dunkler, schwächer, kräftiger orange
als das andere.
Zu den obengenannten Adjektiven, die einen Gradunterschied ausschließen,
gehören auch einige deutsche Wörter
und Fremdwörter, die bereits einen höchsten
oder geringsten Grad bezeichnen, z.B. erstklassig,
maximal, total, minimal, extrem und auch
voll in der Bedeutung "völlig".
Sie werden gelegentlich gesteigert, weil dem
Sprecher oder Schreiber die Bedeutung des
Fremdwortes nicht bewußt ist oder weil
er die Gradangabe noch verstärken will:
So spricht man von minimalstem Verschleiß, von der totalsten
Verwirrung, von extremsten Gegensätzen
oder auch von erstklassigster Ware
und vollster Zufriedenheit.
Solche Superlative sind stark vom Gefühl bestimmt und man sollte sie in
der gepflegter Sprache nach Möglichkeit
vermeiden. Sie zeigen uns aber zum Schluß
noch einmal, wie vielschichtig der Bereich
der Vergleichsformen ist. Wer hier nach Regeln
verfahren will, der muß auch immer sein
Sprachgefühl zu Rate ziehen.