Die
vielen Zuschriften gaben zu erkennen, dass keine
mehr oder weniger verlässliche statistische
Preisliste für linguistische Dienstleistungen
bis dato ausgearbeitet wurde. Deshalb habe ich versucht,
alle übersetzerischen Dienstleistungen in einem
Katalog zu integrieren, um die nachfolgend beschriebenen
Zahlen, Verfahren und Schlußfolgerungen zu
erhalten. Die Rückmeldungen werden zeigen,
ob eine am Einzelfall orientierte Modifizierung
des Zahlenmaterials erforderlich sein mag.
Alle
Überlegungen zur Erleichterung der Entscheidungsfindung
gehen von folgender Alternative aus: Der Übersetzer
verkauft eine Dienstleistung über a) einen
Dienstvertrag oder b) einen Werkvertrag. Durch einen
Werkvertrag ist der Übersetzer als Dienstleister
zur Herstellung des versprochenen Werkes, der Besteller
zur Entrichtung der vereinbarten Vergütung
verpflichtet (BGB § 631). Es ist wesentlich, dass
beim Werkvertrag der Dienstleister einen Erfolg
verspricht; wie er ihn erreicht, ist seine Sache.
Ein
praktisches Beispiel: Schneeschippen vor der Haustür
kann Gegenstand eines Werkvertrages sein, der Erfolg
liegt in dem schneefreien Gehweg. Der Diensleister
muss unter Umständen lt. Werkvertrag volle
24 Stunden pro Tag Schnee schippen, um den Erfolg
(?) zu erreichen. Im Gegensatz dazu verpflichtet
sich der Dienstleister bei einem Dienstvertrag (BGB
§ 611) zur Leistung von Diensten für bestimmte
oder unbestimmte Zeit/Berechnungseinheiten gegen
das vereinbarte Entgelt. Schneeschippen im Rahmen
eines Dienstvertrages könnte heißen,
bis zu acht Stunden pro Tag Schnee zu schippen.
Wenn dann immer noch Schnee vor der Haustür
liegt, ist das nicht mehr Sache des Dienstleisters.
Bei Bedarf kann dieses Thema in einem Tagesseminar
ausführlich behandelt werden.
Voraussetzungen
Befähigung
In
der Regel abgeschlossenes Universitätsstudium
oder ähnliches (nicht selten mehrere Abschlüsse).
Stunden
Produktivzeit
Um
mit anderen Berufen vergleichbaren Zahlen zu erzielen,
ist es notwendig, die übliche Übersetzerberechnung
in Wörtern/Zeilen/Seiten auf Stunden zu reduzieren.
Hierbei ist es besonders zu beachten, dass dieser
so errechnete Stundensatz virtuell ist. Kein professioneller
Übersetzer wird ausschließlich nach Stunden
abrechnen können/dürfen.
Einen
Tarifvertrag für die technischen Übersetzer
gibt es nicht. Die Mitarbeiter werden in die im
jeweiligen Betrieb anzuwendenden Tarifverträge
eingruppiert oder ggf. den speziellen Tarifgruppen
in Firmentarifverträgen zugeordnet. (üblicherweise
in die Gehaltsgruppen für kaufmännischeAngestellte).
Auch
mit Richtwerten ist das so eine Sache, denn nur
wenn man weiß, ob damit alle Nebenleistungen
enthalten sind und welche Arbeitszeitregelung damit
zugrunde liegt, kann man mit den veröffentlichten
oder geheimen Zahlen etwas anfangen.
Der
angestellte Übersetzer verdient im Monat zwischen
1.534,00 Euro (K1) und 7.670,00 Euro (AT), was einen
Stundenlohn von ca. 10,23 Euro bis 51,13 Euro bei
150 Monatsstunden ergibt. Nach ca. 6 Jahren Betriebszugehörigkeit
sollte der Übersetzer im AT-Bereich eingestuft
sein.
Für
den Übersetzerbereich in Medizin/Pharmazie/Chemie
liegen mir Meldungen von ca. 100 freiberuflichen
Kollegen vor. Erhebungszeitraum April 1999 bis März
2000. Hierbei ergab sich eine Durchschnittsvergütung
von 101.236,00 Euro pro Jahr. Was die Arbeitszeiten
anging, betrug der Wochendurchschnitt 44,4 Stunden
(entsprechend 1.953,60 Stunden im Jahr). Der Stundenlohn
bewegte sich daher bei 51,82 Euro . Was einem Produktivstundesatz
von ca. 101,24 Euro entspricht.
Die
Leistung eines Übersetzers liegt durchschnittlich
bei ca. 5 bis 16 Seiten Text an einem Arbeitstag
von 8 Stunden. Die Tagesleistung beim Korrekturlesen
liegt dagegen bei ca. 20 bis 60 Seiten.
Bitte
urteilen Sie selbst, ob Sie daraus einen Nutzen
für sich selbst oder Ihren Betrieb ziehen können.
Jahresgehalt
und Stundenzahl
Für
die Kollegen, die meinen ersten Artikel nicht kennen
oder zur Hand haben, wiederhole ich nachstehend
die gleichen Überlegungen wie für die
Dolmetscher: Das Jahresgehalt eines Angestellten
liegt im Bereich von 27.610 bis 61.356 Euro bei
einer Arbeitszeit von 1.650 bis 1.900 Stunden pro
Jahr. Ein Übersetzer sollte sich nicht schlechter
stellen. Daher kann man als Mindestgröße
51.130 Euro pro Jahr ansetzen (der Übersetzer
muss seine Sozialversicherungsbeiträge usw.
selbst tragen und braucht dafür etwas mehr
Geld) neben Aufwand für auftragsbezogene Nebenkosten
und für Allgemeinkosten (frei nach Peter Oehmig,
»Was darf es denn Kosten?«, in: technische kommunikation
3/00, ISSN 1436-1809, Seiten 15-18).
Nach
der Anlaufzeit sollte der Freiberufler mit 2.000
Stunden pro Jahr hinkommen, sonst geht dies zu Lasten
der Familie und Gesundheit.
Eine
Bruttoarbeitszeit von 2.000 Stunden pro Jahr enthält
die Zeit für die Auftragsbeschaffung, Weiterbildung,
Verwaltungsarbeiten und Arbeitsplatzpflege. Der
Freiberufler sollte diese Zeit nach P. Oehmig (op.
cit.) wie folgt aufteilen:
|
Anteil |
Tätigkeit |
Stundenzahl |
|
50% |
Produktion |
1.000 |
|
25% |
Arbeitsbeschaffung |
500 |
|
15% |
Verwaltung
und Arbeitsplatzpflege |
300 |
|
10% |
Weiterbildung |
200 |
51.130
Euro verteilt auf 1.000 Stunden Produktion ergeben
51,13 Euro je Produktivstunde.
Die
Berechnungseinheiten
1975
waren wir stolz darauf, dass alle Kunden in der
Privatwirtschaft uns zugestanden, angefangene Zeilen
als volle Zeilen zu berechnen. Dies war die erfolgreiche
Zeit vor den Computern. 1985 lehnten alle Kunden
in der Privatwirtschaft unseren Vorschlag ab, nach
Zeichen oder nach Zeichen durch einen beliebigen
Faktor abzurechnen. Die Abrechnung nach der Wortzahl
wurde eher akzeptiert. Die gebräuchlichen Abrechnungseinheiten
in der Gegenwart sind: Wort, Zeile und Seite, wenn
man die Abrechnung nach Papierbogen unberücksichtigt
läßt. Damit diese Einheiten in einer
approximativen Beziehung zueinander gebracht werden
können, möchte ich folgenden Eckwert definieren:
1 Normseite enthält ca. 30 Zeilen à
ca. 55 Anschläge oder ca. 30 Zeilen à
ca. 7 Wörter. Somit ergibt sich folgende Konkordanz:
1
Normseite entspricht |
|
ca.
1.650 Zeichen mit Leerzeichen
(30
Zeilen x 55 Anschläge = 1.650) |
ca.
30 Normzeilen |
ca.
210 Wörtern
(30
x 7 = 210) |
Rechenbeispiele:
Vom
Wortpreis auf Seitenpreis:
Ein
Wortpreis von 0,05 Euro ergibt danach einen Seitenpreis
von ca. 10,50 Euro.
Ein
Wortpreis von 0,10 Euro ergibt danach einen Seitenpreis
von ca. 21,00 Euro usw.
Un
umgekehrt vom Seitenpreis auf Wortpreis:
Ein
Seitenpreis von 30,90 Euro ergibt danach einen Wortpreis
von ca. 0,15 Euro.
Ein
Seitenpreis von 46,20 Euro ergibt danach einen Wortpreis
von ca. 0,22 Euro usw.
Höhe
der zu verkaufenden Jahresleistung
Der
monetäre Rahmen für den Übersetzer
ist nach diesen Vorgaben wie folgt:
Modell
der Jahreseinnahmen in Funktion der Tagesproduktion |
5
Seiten pro Tag an 125 Tagen pro Jahr |
Jahreseinnahmen |
| Zum
Preis von 30,90 Euro à Seite (entsprechend
1,03 Euro à Zeile) |
19.312,50 Euro |
| Zum
Preis von 46,20 Euro à Seite (entsprechend
1,54 Euro à Zeile) |
28.875,00 Euro |
| Zum
Preis von 61,50 Euro à Seite (entsprechend
2,05 Euro à Zeile) |
38.437,50 Euro |
| Zum
Preis von 81,90 Euro à Seite (entsprechend
2,73 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert kaum erreichbar |
51.187,50 Euro |
8
Seiten pro Tag an 125 Tagen pro Jahr |
Jahreseinnahmen |
| Zum
Preis von 30,90 Euro à Seite (entsprechend
1,03 Euro à Zeile) |
30.900,00 Euro |
| Zum
Preis von 46,20 Euro à Seite (entsprechend
1,54 Euro à Zeile) |
46.200,00 Euro |
|
Zum
Preis von 61,50 Euro à Seite (entsprechend
2,05 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert nur in Nischen erreichbar |
61.500,00 Euro |
| Zum
Preis von 81,90 Euro à Seite (entsprechend
2,73 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert kaum erreichbar |
81.900,00 Euro |
10
Seiten pro Tag an 125 Tagen pro Jahr |
Jahreseinnahmen |
| Zum
Preis von 30,90 Euro à Seite (entsprechend
1,03 Euro à Zeile) |
38.625,00 Euro |
|
Zum
Preis von 46,20 Euro à Seite (entsprechend
1,54 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert gut erreichbar |
57.750,00 Euro |
|
Zum
Preis von 61,50 Euro à Seite (entsprechend
2,05 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert nur in Nischen erreichbar |
76.875,00 Euro |
| Zum
Preis von 81,90 Euro à Seite (entsprechend
2,73 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert kaum erreichbar |
102.375,00 Euro |
16
Seiten pro Tag an 125 Tagen pro Jahr |
Jahreseinnahmen |
|
Zum
Preis von 30,90 Euro à Seite (entsprechend
1,03 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert gut erreichbar |
61.800,00 Euro |
|
Zum
Preis von 46,20 Euro à Seite (entsprechend
1,54 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert gut erreichbar |
92.4000,00 Euro |
|
Zum
Preis von 61,50 Euro à Seite (entsprechend
2,05 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert nur in Nischen erreichbar |
123.000,00 Euro |
| Zum
Preis von 81,90 Euro à Seite (entsprechend
2,73 Euro à Zeile)
als
Durchschnittswert kaum erreichbar |
163.800,00 Euro |
Die
realistischen Werte sind im Modell grün dargestellt.
Anhand des Modells kann jeder Leser weitere Tabellenwerte
ausrechnen. Kollegen, die die Vorgabe von 51.130,00
Euro im Jahr nicht erreichen, sollten sich einen
anderen Wirkungskreis aussuchen, denn sie machen
mit ihren Preisen nur den Markt kaputt.
Zusätzlich
zum Seitensatz kommen jeweils Nebenkosten und ges.
USt. Der Übersetzer erreicht leicht das angegebene
Minimum mit Sätzen von 30,90 bis 61,50 Euro
je Seite. Die Dienstleistung kostet daher mindestens
1,03 bis 2,05 Euro pro Zeile.
Katalog
der übersetzerischen Leistungen
Wer
mit Peanuts bezahlen will, wird von Affen bedient!
Hier die statistische Auswertung der Meldungen von
ca. 100 freiberuflichen Kollegen in der Zeit vom
April 1999 bis März 2000:
Dienstleistungen |
| 1.
Übersetzen
zuzüglich Nebenkosten:
Â
je Wort
Â
je Normzeile
Â
je Normseite |
ab 0,18 Euro
ab 1,43 Euro
ab 42,95 Euro |
| 2.
Übersetzen
Komplettpreis (1 Papierexemplar per Post zugestellt):
Â
je Wort
Â
je Normzeile
Â
je Normseite |
ab 0,22 Euro
ab 1,69 Euro
ab 51,13 Euro |
| 3.
Korrekturlesen:
Â
je Stunde |
ab 69,02 Euro |
Nebenkosten |
| 1.
Übertragungs-/Formatierkosten je Normseite
Fließtext |
ab 2,94 Euro |
| 2.
Fotokopien (schwarzweiß) je DIN A4 Seite |
ab 0,15 Euro |
| 3.
Disketten/Versand per e-mail je Datei |
ab 11,25 Euro |
| 4.
CD Brennen je CD |
ab 29,66 Euro |
| 5.
Faxseite |
nach Aufwand und dem gültigen Tarif der Post
AG entsprechend |
| 6.
Telefonkosten je Einheit |
ab 0,14 Euro |
| 7.
Kilometergeld je km |
ab 0,59 Euro |
| 8.
Fahrtzeit je Stunde |
ab 69,02 Euro |
| 9.
Eilauftrag, Erschwerniszulage, Feiertagsarbeit,
Nachtarbeit Zuschlag |
je 50,00% |
| 10.
Reisekosten |
1. Klasse entsprechend |
| 11.
Versandkosten je Sendung |
ab 3,58 Euro |
|
Sonstige Aufwendungen werden bei Bedarf in Rechnung
gestellt
Alle Preise zuzüglich gesetzlicher USt. |
Preise
für fachfremde Leistungen (die dem Übersetzer
immer öfters aufs Auge gedrückt werden,
wenn er sich über den Tisch ziehen läßt)
wie Scannen, Grafiken, Logos, Nachbearbeitung, Texterfassung,
Drucken, Kopien, Belichtung, Zeichnungserstellung
(2D, 3D, perspektivisch, isometrisch etc.) sind
hier nicht berücksichtigt worden, können
aber jederzeit bei mir erfragt werden.
Es
sei hier nochmals daran erninnert, dass Preiserhöhungen
nach der Abwicklung des ersten Auftrags beim betreffenden
Kunden kaum durchzusetzen sind, d.h. um sein Soll
zu erfüllen, muss der Übersetzer mehr
Stunden arbeiten und akquirieren, womit er sich
vom Familienleben und Gesundheit über kurz
oder lang verabschieden kann.
Für
eine schlüssige Argumentation gegenüber
dem Einkauf vieler Firmen hinsichtlich Effizienz
und Rentabilität der übersetzerischen
Leistung benötigt man ein Bewertungsverfahren,
das alle wirtschaftlichen, technischen, organisatorischen
und personellen Aspekte berücksichtigt. Die
Erörterung eines solchen Verfahrens war hier
nicht beabsichtigt. Im Rahmen eines größeren
Projekts der TEKOM bereiten wir einen gewichteten
Kriterienkatalog für die Übersetzungsqualität
vor, der einige Antworten zu diesem Thema gibt.
Die Publikation ist für dieses Jahr 2005 geplant.
Abschließend
möchte ich darauf hinweisen, dass die Kosten
einer Übersetzung in Relation zum Produkt in
der Regel nicht mehr als 1 bis 5% ausmachen. Relative
Kostenerhöhungen ergeben sich bei der Übersetzung
in viele Sprachen, eine übersetzungsfreundliche
Gestaltung der Texte hingegen sinkt die Kosten.
An den Übersetzungen spart man stets an der
falschen Stelle. Dies bewirkt einen erhöhten
Serviceaufwand, eine erhöhte Zahl von Rückfragen,
einen Imageverlust, Verlust von Marktanteilen, Regressansprüche
durch Produkthaftung und last, but not least: Menschenleben!
.-L.
R. Cerna-.