Rentabilitätsberechnung im Dolmetscherberuf
By Luis R. Cerna, BC/SB,
BL/LitB, BF/PhB
Diplom Uebersetzer, Dolmetscher, Technischer Redakteur
Accredited in German, Spanish and English by the German
Association of Translators and Interpreters BDUe
and in technical writing by the German TEKOM,
Heidelberg, Germany
Lrcerna@aol.com
http://foreignword.biz/cv/10868.htm
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Im
vorliegenden Artikel wird der Versuch unternommen,
das vorhandene Zahlenmaterial sowie dessen Anwendung
in einer Form darzustellen, die es auch dem betriebswirtschaftlich
nicht vorgebildeten Dolmetscher erlaubt, dieses zur
Vorbereitung von Berufsentscheidungen unverzichtbare
Instrumentarium als Daumenregel zu nutzen.
Dass
dieser Artikel auf die Rentabilitätsberechnung
im Dolmetscherberuf zugeschnitten ist, bedeutet
keinesfalls, dass er damit als Anleitung zur Entscheidungsfindung
in anderen Berufen nicht genutzt werden könnte.
Die nachfolgend beschriebenen Zahlen, Verfahren
und Schlussfolgerungen sind vielmehr für jede
Art von freiberuflichen Vorhaben anwendbar, wobei
lediglich eine am Einzelfall orientierte Modifizierung
des Zahlenmaterials erforderlich sein mag.
Ungeachtet
der wirtschaftlichen Vorkenntnisse wird praxisorientiertes
Wissens über die Notwendigkeit der perspektivischen
Investitionsrechnung, ihre Verfahren und ihre Anwendungsbedingungen
und Grenzen, zur Verfügung gestellt, werden
Überlegungen zur Erleichterung der Entscheidungsfindung
angestellt.
Voraussetzungen
Befähigung
In
der Regel abgeschlossenes Universitätsstudium
oder ähnliches (nicht selten mehrere Abschlüsse).
Stunden
Produktivzeit
Um
mit anderen Berufen vergleichbare Zahlen zu erzielen,
ist es notwendig, die übliche Dolmetscherberechnung
in Tagessätzen auf Stunden zu reduzieren. Hierbei
ist besonders zu beachten, dass dieser so errechnete
Stundensatz virtuell ist. Kein professioneller Dolmetscher
wird im Normalfall einer ausschließlichen
Abrechnung nach Stunden zustimmen.
In
einer Stunde Produktivzeit verdient Tom Cruise ca.
15,34 Mio. Euro, Bill Gates ca. 1,28 Mio. Euro, der Chefarzt
eines Krankenhauses ca.2.046 Euro, der Zahnarzt
ca. 512 Euro, der Architekt ca. 103 Euro, der Computertechniker
ca. 77 Euro, der Übersetzer ca. 67 Euro (?),
der Installateur ca. 46 Euro, der Bauarbeiter ca.
16 Euro, eine Arbeiterin in China ca. 0,10 Euro.
Ein Dolmetscher hingegen mind. 128 Euro, wenn ein
Tagessatz von 768 Euro für 6 Stunden zugrunde
gelegt wird.
Bei
Tom Cruise können die Dreharbeiten zu einem
Film schon ein Jahr dauern, er kann aber nur ca.
90 Minuten Kinolaufzeit verkaufen. Bei Bill Gates
ergeben sich etwa 2.000 Stunden verkaufbarer Produktivzeit
pro Jahr. Zahlenmaterial teilweise nach P. Oehmig
(»Was darf es denn Kosten?«, in: technische kommunikation
3/00, ISSN 1436-1809, Seiten 15-18).
Jahresgehalt
und Stundenzahl
Das
Jahresgehalt eines Angestellten liegt im Bereich
von 27.610 bis 61.356 Euro bei einer Arbeitszeit
von 1.650 bis 1.900 Stunden pro Jahr. Ein Dolmetscher
sollte sich nicht schlechter stellen. Daher kann
man als Mindestgröße 51.130 Euro pro
Jahr ansetzen (der Dolmetscher muss seine Sozialversicherungsbeiträge
usw. selbst tragen und braucht dafür etwas
mehr Geld) neben Aufwand für auftragsbezogene
Nebenkosten und für Allgemeinkosten (frei nach
Peter Oehmig, op. cit.).
Nach
der Anlaufszeit sollte der Freiberufler mit 2.000
Stunden pro Jahr hinkommen, sonst geht dies zu Lasten
der Familie und Gesundheit.
Eine
Bruttoarbeitszeit von 2.000 Stunden pro Jahr enthält
die Zeit für die Auftragsbeschaffung, Weiterbildung,
Verwaltungsarbeiten und Arbeitsplatzpflege. Der
Freiberufler sollte diese Zeit nach P. Oehmig (op.
cit.) wie folgt aufteilen:
|
Anteil |
Tätigkeit |
Stundenzahl |
|
50% |
Produktion |
1.000 |
|
25% |
Arbeitsbeschaffung |
500 |
|
15% |
Verwaltung
und Arbeitsplatzpflege |
300 |
|
10% |
Weiterbildung |
200 |
51.130
Euro verteilt auf 1.000 Stunden Produktion ergeben
51,13 Euro je Produktivstunde.
Höhe
der zu verkaufenden Jahresleistung
Der
monetäre Rahmen für den Dolmetscher ist
nach dieser Vorgabe wie folgt:
Modell
der Jahreseinnahmen in Funktion der verkauften
Leistung |
| in Tagen |
in Stunden |
Jahreseinnahmen |
|
67
à 768,00 Euro |
402
à 128,00 Euro |
51.456,00 Euro |
|
167
à 768,00 Euro |
1.002
à 128,00 Euro |
128.256,00 Euro |
Um
die Vorgabe von 51.130,00 Euro pro Jahr zu erreichen,
muss der Dolmetscher 67 Tage zu einem Satz von 768,00
Euro je Tag verkaufen. Bei einem vollständigen
Verkauf seiner verfügbaren Stundenzahl verdient
der Dolmetscher max. 128.256,00 Euro ceteris paribus.
Zusätzlich
zum Tagessatz kommen jeweils Nebenkosten und ges.
USt.
Die
Kalkulation ändert sich, wenn der Dolmetscher
die Vorbereitungszeit nicht in Rechnung stellen
darf.
Schlussbetrachtung
Insbesondere
Novizen wird dringend empfohlen, nicht vom ausgerechneten
Wert abzuweichen, denn Preiserhöhungen sind
nach der Abwicklung des ersten Auftrags beim betreffenden
Kunden kaum durchzusetzen, d.h. um sein Soll zu
erfüllen, muss der Dolmetscher mehr Stunden
arbeiten und akquirieren, womit er sich über
kurz oder lang von Familienleben und Gesundheit
verabschieden kann.
Erfreulicherweise
sind wir Dolmetscher in unserer Preisgestaltungspolitik
mehrheitlich sehr diszipliniert: Wer bereits mind.
60% direkte Kundschaft bedient, wird nicht ohne
Weiteres auf die bekannte Argumentation mancher
Agenturen eingehen (»Bitte nennen Sie Ihre sonst
üblichen niedrigsten Preise als Auftragnehmer
einer Agentur möglichst in Euro.« »Nennen Sie
bitte nicht die hohen Verkaufspreise für Endkunden,
sondern die Einkaufspreise für Agenturen. Wir
zahlen Ihnen den vereinbarten Preis ohne Abzug.«)
und seine Preise mit seinen Zugeständnissen
selbst kaputtmachen. Wenn überhaupt Sonderkonditionen
eingeräumt werden, besteht der Dolmetscher
auf einem garantierten Mindestumsatz im Jahr.
Ein
Mittelwert von 120 verkauften Tagessätzen bringt
mind. 92.160 Euro im Jahr, hält den Dolmetscher
in Übung und gilt als erstrebenswert.
Das
nicht aufs Dolmetschen bezogene Zahlenmaterial stammt
teilweise von Peter Oehmig (op. cit.) und entspricht
in vorliegender Form meinen Ergebnissen.
Stundensätze
von 30,90 bis 61,50 Euro, wie sie von manchen Kreisen
angeboten werden, werden von keinem professionell
arbeitenden Dolmetscher akzeptiert und fanden hier
keine Berücksichtigung. Um einschätzen
zu können, welcher wirtschaftliche Schaden
mit der Annahme dieser Sätze verbunden ist,
finden Sie nachstehend die Höhe der erzielten
Mindesteinnahmen:
400
Stunden à 30,90 Euro ergeben 12.360 Euro.
Ob
bei diesen Kunden 400 Stunden/67 Tage pro Jahr anfallen,
sei dahingestellt. Denn der Kapitalwert der zu diesem
Preis verkauften Leistung reagiert so sensibel auf
Veränderungen der die laufenden Einnahmen und
Ausgaben determinierenden Faktoren und der Erwartungswert
liegt so dicht bei den kritischen Werten der Pleite,
dass er nur von Fachfremden ernsthaft verfolgt wird.
Die zukünftige Marktentwicklung auf diesem
Sektor muss mit großer Sorge betrachtet werden.
Dumping
bei den Dolmetschern und Geiz bei den Firmen ist
eine schlechte Mischung, die in der Privatwirtschaft
viel Unheil anrichtet. Die Kosten für eine
professionell aufgemachte Pressekonferenz sind vernachlässigbar
im Vergleich zum Imageschaden bei einer stümperhaft
durchgeführten Pressekonferenz auf internationaler
Bühne. Noch abenteuerlicher wird es, wenn der
(Chef-)Dolmetscher eine seiner Arbeitssprachen nicht
richtig spricht (so geschehen bei einem Besuch des
US- Präsidenten in Polen).
Der
Vollständigkeit halber sei angeführt,
dass einige Dolmetscher Tagessätze von 2.557
Euro und mehr bei entsprechender Spezialisierung
erzielen.
Es
erscheint mir wichtig abschließend darauf
hinzuweisen, dass diese Darstellung des Instrumentariums
zur Beurteilung von Berufsentscheidungen unter betriebswirtschaftlichen
Aspekten lediglich einen ersten, wenn auch sehr
wichtigen Baustein zu einer umfassenden Bewertung
von Berufsprofilen in unserem freiberuflichen Fachbereich
liefern kann.
.-L.
R. Cerna-.
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