Erster Teil : Die deutsche Sprache in Europa
Am 1. Juli 1996 unterzeichneten die Vertreter verschiedener europäischer
Staaten eine "Gemeinsame Absichtserklärung
zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung".
Überraschend mag dabei nicht so sehr
sein, daß eine solche Absichtserklärung
zustande kam, sondern vielmehr, wie viele
Staaten an der Unterzeichnung beteiligt waren.
In der offiziellen Ausgabe sind folgende 8 Nationen in alphabetischer Reihenfolge
aufgelistet: Belgien, Deutschland, Italien,
Liechtenstein, Österreich, Rumänien,
die Schweiz und Ungarn. Und doch waren längst
nicht alle betroffenen Länder anwesend,
denn Deutsch ist die Sprache, die innerhalb
der EU von mehr als 100 Millionen Deutschsprachigen
in 20 verschiedenen Staaten gesprochen wird.
Erstaunlich aber wahr : Deutsch ist die meistgesprochene
Muttersprache der europäischen Gemeinschaft.
Der Status der deutschen Sprache innerhalb dieser verschiedenen Länder
ist allerdings sehr unterschiedlich.
Deutsch
als Amtssprache
Deutsch ist in fünf europäischen Staaten Amtssprache auf nationaler
Ebene: in Deutschland, Österreich,
Liechtenstein, der Schweiz und Luxemburg.
Verwundern mag die Tatsache, daß Deutsch
nur im Fürstentum Liechtenstein die landesweit
einzige gesprochene Sprache ist. In den vier
anderen Staaten koexistieren noch weitere
Sprachen auf unterschiedlichen Ebenen. Sogar
in ihrem "Mutterland" hat die Sprache
Goethes ihre Monopolstellung verloren: In
der früheren Bundesrepublik Deutschland
gab es keine weitere Amtssprache, auch nicht
auf regionaler Ebene. In der ehemaligen DDR
hingegen galt das westslawische Sorbisch im
Gebiet um Bautzen und Cottbus eine regionale
Amtssprache. Im Einigungsvertrag wurde der
Status des Sorbischen dann als regionale Amtssprache
übernommen, so daß er seit der
Wiedervereinigung auch im heutigen Deutschland
gilt.
In zwei weiteren europäischen Staaten ist Deutsch eine regionale Amtssprache,
das heißt, daß sie nur in einer
bestimmten Region und nicht im ganzen Staatsgebiet
als Amtssprache verwendet wird. Dies ist der
Fall in Ostbelgien und in Südtirol.
Deutsch als Minderheitensprache
Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Gebieten, in denen das Deutsche Minderheitensprache
ohne amtlichen Status ist. Man spricht in
solchen Fällen auch von Sprachinseln.
Das Siebenbürgische in Rumänien
und das Rußlanddeutsche sind typische
Beispiele. Hierzu ist zu erwähnen, daß
es nicht von der Zahl der Sprecher abhängt,
welcher Status der Sprache verliehen wird.
So gibt es in Belgien weitaus weniger Deutschsprachige
als in manchen anderen Ländern, und dennoch
hat Deutsch dort einen offiziellen Status
bekommen.
Deutsch im Herzen Europas
Deutsch ist auch die Sprache, die im geographischen Zentrum Europas die größte
Verbreitung hat und vielfältige Verflechtungen
mit ihren Nachbarsprachen aufweist. Das deutsche
Sprachgebiet grenzt an 14 andere Sprachgebiete
mit dem größten Bevölkerungsanteil
in Europa.
Außerdem nimmt sie nach wie vor eine bedeutende Stellung als Wissenschafts-
und Bildungssprache ein und hat in den letzten
Jahrzehnten weiter an Bedeutung als Wirtschafts-
und Berufssprache gewonnen. Tendenz steigend.