Das "Unwort des Jahres" wird seit 1991 jährlich gewählt.
Eine aus Sprachwissenschaftlern bestehende
unabhängige Jury an der Universität
Frankfurt am Main stützt sich bei der
Auswahl des "Unwortes" auf Zuschriften
von Bürgerinnen und Bürgern, die
aufgefordert sind, sprachliche Missgriffe
zu nennen, die im jeweiligen Jahr besonders
negativ aufgefallen sind. Vorschläge
werden während des ganzen Jahres entgegengenommen,
die intensive Sammelphase liegt aber jeweils
zwischen Oktober und Anfang Januar. Gesucht
werden Wörter und Formulierungen aus
der öffentlichen Sprache, die sachlich
grob unangemessen sind und möglicherweise
sogar die Menschenwürde verletzen. Die
Vorschläge können aus allen Bereichen
der öffentlichen Kommunikation stammen,
aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Technik,
Wissenschaft, Kulturinstitutionen oder Medien.
Die Aktion "Unwort des Jahres" will für mehr sachliche Angemessenheit
und Humanität im öffentlichen Sprachgebrauch
werben. Zu diesem Zweck wird der deutlichste
sprachliche Mißgriff als "Unwort
des Jahres" gekennzeichnet, aber auch
weitere Wörter und Formulierungen können
als "Unwörter" gerügt
werden. Die Rügen sollen in erster Linie
als Anregung zu mehr sprachkritischer Reflexion
verstanden werden, eine Zensur wird nicht
beabsichtigt.
Die bisherigen "Unwörter" (in Klammern die verkürzte offizielle
Begründung der Jury) waren:
1991 ausländerfrei (fremdenfeindliche
Parole in Hoyerswerda);
1992 ethnische Säuberung (Propagandaformel
im ehemaligen Jugoslawien);
1993 Überfremdung (Scheinargument
gegen Zuzug von Ausländern); Peanuts
(abschätziger Bankerjargonismus);
1995 Diätenanpassung (Beschönigung
der Diätenerhöhung im Bundestag);
1996 Rentnerschwemme (falsches,
angstauslösendes Naturbild für einen
sozialpolitischen Sachverhalt);
1997 Wohlstandsmüll (Umschreibung
arbeitsunwilliger wie arbeitsunfähiger
Menschen);
1998 sozialverträgliches Frühableben
(in einer öffentlichen Erklärung
zynisch wirkende Ironisierung);
1999 Kollateralschaden (Verharmlosung
der Tötung Unschuldiger als belanglose
Nebensächlichkeit;offizieller NATO-Terminus
im Kosovo-Krieg [Nato-Englisch: "collateral
damage" = Randschaden]);
2000 national befreite Zone
(zynisch heroisierende Umschreibung einer
Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert
wird)
Der in deutschen Medien nur halb übersetzte Begriff Kollateralschaden
aus der offiziellen Nato-Berichterstattung
lenkte laut Begründung der Jury "mit
seiner imponierenden Schwerverständlichkeit
vom schlimmen Inhalt dieser Benennung ab"
und trieb die vielfältigen Versuche auf
die Spitze, das Vorgehen auf dem Balkan in
ein freundlicheres Licht zu rücken. Dazu
gehörte u.a. auch, Bombardements zu "Luftschlägen"
und den Krieg insgesamt zum bloßen Kosovo-"Konflikt"
herunterzuspielen. Vertreibungen - zuletzt
der Kosovo-Serben - wurden als "Völkerverschiebung"
umschrieben.
Im Jahr 2000 wurde u. a. der Begriff Separatorenfleisch gerügt,
der zwar seriös klingt, im Zusammenhang
mit BSE-Verdacht aber gerade deshalb eine
besonders unangemessene Bezeichnung von für
den Menschen gefährlichen Schlachtabfällen
darstellt.
Unwort des 20. Jahrhunderts: Menschenmaterial
Neben dem "Unwort des Jahres 1999" wählte die Jury auf der Grundlage
der mehrjährigen Sammlung von Unwort-Vorschlägen
und wortgeschichtlicher Untersuchungen mit
dem Begriff Menschenmaterial auch das
"Unwort des 20. Jahrhunderts". Menschenmaterial
kam zwar bereits im 19. Jahrhundert auf und
spielte u.a. schon bei Karl Marx (1867) eine
Rolle, hat aber im 20. Jahrhundert seine besonders
zynische Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt
als Umschreibung von Menschen, die als Soldaten
im 1. und 2. Weltkrieg "verbraucht"
wurden. Dieser zeiten- und ideologienübergreifende
Begriff steht exemplarisch für die weitgediehene
Tendenz, Menschen nur noch nach ihrem "Materialwert"
einzuschätzen.
Bundespräsident Johannes Rau in seiner "Berliner Rede", Mai 2000:
"Wer sich über die Untaten aus Fremdenfeindlichkeit empört, der
darf die Unworte nicht überhören
oder gar selber gebrauchen, die viel zu häufig
die Runde machen. Unworte bereiten Untaten
den Boden."