Daß ein Ei Probleme aufwerfen kann, wissen wir schon seit Kolumbus. Wo
liegt nun beim Hühnerei das Problem?
Die Frage lautet: Warum heißt es Hühnerei, wenn es doch nur
von einem Huhn gelegt wird? Und mit dem Taubenei,
dem Entenei, dem Gänseei
scheint es nicht anders zu sein. Ja, und warum
heißt es Hundehütte, obwohl nur
ein einziger Hund darin liegt?
Warum also stehen hier überall Pluralformen? Die Frage kann aber auch von
der anderen Seite angegangen werden: Ein Kinderarzt
behandelt Kinder, ein Frauenarzt Frauen.
Der Augenarzt ist für die Augen
da und der Hals-Nasen-Ohren-Arzt ist
für Hals, Ohren und Nasen
(?) da. Die Verwirrung ist komplett.
Und was ist mit dem Sonnenstrahl, wir
Menschen haben doch nur einen Sonne, oder?
Der Ärztekongreß kann sich so nennen,
das ist klar, denn an einem Kongreß
nehmen viele Ärzte teil. Da kommt dann
allerdings die Fuldaer Bischofskonferenz
nicht mit, denn da nimmt nicht nur ein Bischof
teil, sondern mehrere, und trotzdem heißt
es nicht "Bischöfekonferenz".
Hier scheint also ein Prinzip gegen das andere zu stehen. Um dies zu erklären,
müssen wir in die Vergangenheit zurückgehen.
Dort kann man erkennen, daß die vermeintlichen
Pluralendungen der Bestimmungswörter
ursprünglich ganz andere Funktionen hatten.
In dem -e von Hundehütte, Gänseei,
Tagelohn sind z.B. verschiedene alte Vokale
zusammengefallen, die in der Frühzeit
unserer Sprache Kennzeichen für bestimmte
Deklinationsklassen waren.
Für Wortzusammensetzungen sind zwei andere Punkte entscheidend:
Einerseits werden neue Zusammensetzungen fast
immer nach dem Muster älterer Zusammensetzungen
gebildet, zum anderen sind die Formen der
Verbindung zwischen Bestimmungswort und Grundwort
seit alter Zeit die gleichen geblieben. Zwei
Beispiele:
althochdeutsch: tagawerch - neuhochdeutsch: Tagewerk; althochdeutsch:
sunnunlioht - neuhochdeutsch: Sonnenlicht
Die meisten heute gebräuchlichen Zusammensetzungen sind allerdings jünger
als diese Beispiele. Die Neubildung von Zusammensetzungen
war - und ist noch heute - ein mechanischer
Vorgang. Nur die innere Bedeutung der beiden
Teile prägte die Bedeutung des zusammengesetzten
Wortes. So entstanden gleich gebildete Zusammensetzungen
mit demselben Bestimmungswort, die aber im
einzelnen ganz verschiedene Inhalte haben
können:
Neben Bischofsstab (Stab des Bischofs) steht Bischofskonferenz
(Konferenz der Bischöfe), neben Königsthron
(Thron des Königs) steht Königstiger
(ein Tiger wie ein König).
Umgekehrt haben Zusammensetzungen wie Tagewerk, Gänseblume
und Hühnerei, die ursprünglich
gar keinen Plural meinen, zur Bildung vieler
neuer Wörter angeregt, in denen man wirklich
pluralische Vorstellungen ausdrücken
wollte. Daher treten heute viele erste Glieder
von Zusammensetzungen sowohl in der Stammform
als auch in der Pluralform auf:
Buchhandlung - Bücherstube,
Gasthaus - Gästehaus, Gästebuch,
Gästehandtuch, Arztpraxis - Ärztekammer,
Ärztekongreß, Motorhaube
- Motorenlärm
Man benutzt ein altes, längst nicht mehr gültiges Schema - auch das
ist typisch für die deutsche Zusammensetzung
- nämlich den vorangestellten Genitiv.
Aber all das geschieht nicht ganz ohne systematische Überlegungen. Alle
Muster, die das Wörterbuch für ein
Substantiv als Bestimmungswort anbietet, können
bei Neubildungen verwendet werden.
Es bleibt dabei: Der pluralische Charakter eines Bestimmungswortes braucht in
der Zusammensetzung nicht ausgedrückt
zu werden. Doch kann es in manchen Fällen
angebracht sein, eine Mehrheit von einzelnen
Personen oder Dingen deutlicher zu bezeichnen,
vor allem, wenn ältere Wörter schon
mit einer bestimmten Bedeutung fest verbunden
sind. Aus dem Hühnerei kann kein
Huhnei werden. Wo solche Wörter
einmal üblich geworden sind, kann man
sie nicht beliebig durch andere Formen der
Zusammensetzung ersetzen. Ist sie einmal entstanden
und in den Sprachgebrauch eingegangen, ist
jede Zusammensetzung eine feste Wort- und
Begriffseinheit.